Warum Schmerzen wichtig sind

1.3.2020, Sami Othman

In Kürze

  • Schmerzen sind Warnsignale des Körpers und damit überlebenswichtig.
  • Emotionen spielen eine wichtige Rolle dabei, wie wir Schmerz empfinden.
  • Du kannst Schmerzen aktiv beeinflussen, indem du deinem Körper durch spezifisches Training hilfst, den Normalzustand wiederherzustellen.

Hast du schon einmal eine heiße Herdplatte berührt? Lass mich raten: Du hast deine Hand ruckartig weggezogen und laut geflucht, weil es so wehtat. Schmerzen sind nichts anderes als Warnsignale. Wenn dein Gehirn etwas als Gefahr für deinen Körper einstuft, bekommst du das als Schmerz zu spüren. Ohne Schmerz wärst du um ein paar Zähne ärmer, weil Karies unbemerkt deine Zahnsubstanz zerstört hätte. Vielleicht würdest du vergessen, genug Flüssigkeit zu dir zu nehmen, weil dich kein Kopfschmerz daran erinnert. 

Überlebenswichtige Funktion

So unangenehm Schmerz ist, wenn er bohrt, beißt, pocht und sticht: Er ist überlebenswichtig. Dein Körper signalisiert dir damit, dass etwas nicht stimmt und du dich um ihn kümmern sollst. 

Aber wie entsteht überhaupt Schmerz?

Dein Körper verfügt über Millionen von kleinen Schadensmeldern, sogenannten Rezeptoren. Sie sitzen zum Beispiel in deinen Muskeln, in Haut und Nerven. Ihre Aufgabe ist es, dem Gehirn rund um die Uhr Informationen zu senden, in welchem Zustand Kniegelenk, Rückenmuskel, Fußsohle und Co. sind. 

In deinem Gehirn gibt es kein zentrales Schmerzzentrum. Verschiedene Hirnareale sind daran beteiligt, Schmerzen zu verarbeiten – und das ist nicht ihre einzige Funktion. Die Großhirnrinde wandelt zum Beispiel Sinnesreize zu Wahrnehmungen um, speichert Informationen und ist wichtig fürs Denken.

Berührt deine Hand nun die heiße Herdplatte, schlägt der entsprechende Rezeptor Alarm und schickt ein S.O.S. ans Rückenmark: „Melde 400 Grad Celsius, Maximaltemperatur um das Zehnfache überschritten!“ 

Das Rückenmark reagiert sofort und löst einen Reflex in deiner Armmuskulatur aus: Du ziehst deine Hand zurück. 

Erst jetzt kommt der Schmerz. 

Das Gehirn bleibt beim Auslösen eines Reflexes zunächst außen vor. Müsste der Reiz erst vom Rückenmark über das zentrale Nervensystem ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet werden, würde zu viel Zeit vergehen – du hättest dich schon längst verbrannt. 

Erst Sekunden später, wenn der Schmerz einsetzt, weißt du, dass der Reiz nun auch in deinem Gehirn angekommen ist. 

Das hat die Natur schlau eingerichtet. Zunächst versucht dein Körper, Schlimmeres – in diesem Fall: eine Verbrennung – zu verhindern. Erst dann kümmert sich dein Gehirn darum, was du empfindest. Abhängig von deinen Erfahrungen entscheidet es, wie intensiv du den Schmerz spürst – und ob überhaupt.

Individuelles Schmerzempfinden

Hättest du gedacht, dass Emotionen dabei eine wichtige Rolle spielen? Schmerz ist quasi eine emotionale Reaktion auf den Reiz, den dein Gehirn als Gefahr eingestuft. Das Gehirn kann lernen, dass ein bestimmter Schmerz gar nicht so schlimm ist, und sich quasi dran gewöhnen. Das erklärt, wieso Menschen Schmerzen ganz unterschiedlich wahrnehmen. 

Stelle dir zum Beispiel vor, fünf deiner Freunde rennen auf dich zu und schmeißen sich mit voller Wucht auf dich. Du brichst natürlich sofort unter der Last von rund 400 Kilo zusammen. Knie, Rücken und Arme schmerzen, du bekommst kaum Luft. Autsch!

Was du als extrem unangenehm empfinden würdest, stecken Fußballer mit links weg: Beim Torjubel springt die halbe Mannschaft auf den Torschützen. In diesem Moment des Glücks empfindet der Spieler trotzdem keinen Schmerz – weil er die empfangenen Reize mit positiven Emotionen verknüpft. Oder hast du einen Torschützen jemals vor Schmerzen weinen sehen?

Wusstest du schon, dass …

… es einige wenige Menschen auf der Welt gibt, die keine Schmerzen empfinden? Grund ist eine äußerst seltene Genmutation, die verhindert, dass Schmerzreize von den Rezeptoren zum Gehirn gelangen. Was wie ein Glücksfall klingt, ist für die Betroffenen ein hartes Los: Sie bemerken weder Knochenbrüche noch schwere Wunden. Das hat oft schlimme Folgen.

Schmerzen sind also nicht statisch. Dein Gehirn kann lernen, mit ihnen umzugehen. Ein Extrembeispiel sind Fakire, die sich auf ein Nagelbrett legen, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie haben ihr Gehirn jahrelang dafür trainiert.

Du musst nicht gleich zum Fakir werden, um deine Schmerzen zu beeinflussen. Ein guter Weg ist es, deinen Körper bei seinen Sofortmaßnahmen zu unterstützen – mit spezifischem Training. 

Um das zu verstehen, erinnern wir uns kurz daran, wie Schmerz entsteht: Wenn du zum Beispiel einen verspannten Muskel hast, wird dein Gewebe weniger durchblutet und der Nährstofftransport ist eingeschränkt. Dein pH-Wert wird in Folge saurer. Die Rezeptoren in deinem Muskelgewebe sind sofort alarmiert und geben die Abweichung vom Normalzustand ans Gehirn weiter. Das bekommst du als Schmerz zu spüren. Der Schmerz kann die Verspannung sogar noch verschlimmern.

Was kannst du jetzt tun?

Ganz einfach: Du kehrst diese Verkettung um – durch gezielte Bewegung. Durch sie verbessert sich deine Durchblutung, der Nährstofftransport wird wieder angekurbelt, dein pH-Wert reguliert sich. Alle Zeichen stehen wieder auf Normalzustand. Die Rezeptoren entspannen sich, deine Muskelverspannung kann sich lösen.

Passende Übungen findest du in unserer App Nola – Your Health Coach und auf unserem YouTube-Kanal.

Wenn du also das nächste Mal Schmerzen hast, bleibe cool und greife nicht sofort zur Schmerztablette, sondern bedanke dich bei deinem Körper: Seine Warnsignale helfen dir, Probleme zu erkennen, gezielt anzugehen und damit langfristig in den Griff zu bekommen. 

Bei starken oder wiederkehrenden Schmerzen solltest du dennoch nicht zögern, einen Arzt zu konsultieren.